Offener Brief an das Béjart Ballet Lausanne und das Ballet du Grand Théatre Genf

27.09.2016

Categories: Kultur

Warum tanzen die Ballette von Lausanne und Genf mit der Apartheid?

Wie wir erfahren haben, stehen das Béjart Ballet Lausanne (BBL) und das Ballet des Grand Théatre de Genève (GTG) auf dem Spielplan der aktuellen Tanzsaison der Oper Tel Aviv (Israel Opera). Mit diesem Schreiben möchte die BDS-Bewegung in der Schweiz darauf aufmerksam machen, dass es unangebracht ist, wenn zwei kulturelle Botschafter der Schweiz sich mit einem Besatzungs- und Apartheidregime kompromittieren.

 

Der folgende offene Brief an das Béjart Ballet Lausanne und das Ballet du Grand Théatre Genf wurde zusammen mit einem FAQ zum Kulturboykott am 28. September verschickt.

Update vom 23. Oktober 2016: Beide Ballete weigern sich, dem Aufruf zum Boykott nachzukommen. Ein Artikel in Le Courrier und ein Blogbeitrag von Sylvain Thévoz auf La Tribune de Genève berichten über den Entscheid.

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

Wie wir erfahren haben, stehen das Béjart Ballet Lausanne (BBL) und das Ballet des Grand Théatre de Genève (GTG) auf dem Spielplan der aktuellen Tanzsaison der Oper Tel Aviv (Israel Opera).1

Mit diesem Schreiben möchte die BDS-Bewegung in der Schweiz Sie und die städtischen Behörden von Lausanne und Genf darauf aufmerksam machen, dass es unangebracht ist, wenn zwei kulturelle Botschafter der Schweiz sich mit einem Besatzungs- und Apartheidregime kompromittieren. Die israelische Regierung, die nicht mit Lob über das Renommee der beiden Ballette spart, will sich damit selbst in ein gutes Licht stellen. Palästinensische Organisationen, die die palästinensischen Kulturschaffenden vertreten, rufen jedoch seit 2004 Künstlerinnen und Künstler auf, in Solidarität mit ihrem Freiheitskampf nicht mit israelischen Kulturinstitutionen zusammenzuarbeiten.2 2006 haben die palästinensischen Kulturschaffenden einen eigenen Aufruf an alle politisch bewussten Künstlerinnen und Künstler weltweit gerichtet, israelische Kulturveranstaltungen zu boykottieren.3 Wir sind der Meinung, dass dies den Tänzerinnen und Tänzer der beiden Ensembles zur Kenntnis gebracht werden und sie wissen sollten, in welches Abenteuer Sie sie stürzen. Deshalb bitten wir Sie, ihnen dieses Schreiben zukommen zu lassen.

Tel Aviv, die Stadt, in der Sie tanzen werden, liegt knapp 20 Kilometer vom Westjordanland entfernt, wo hinter einer 700 Kilometer langen Trennmauer und Dutzenden von Checkpoints Hunderttausende PalästinenserInnen eingesperrt leben. Sie werden Ihre Vorstellungen nicht besuchen können, da sie in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind. Innerhalb dieses besetzten palästinensischen Gebiets treibt Israel unter militärischem Schutz den Siedlungsbau weiter voran. Soldatinnen oder Soldaten am Steuer wuchtiger Bulldozer zerstören in aller Straflosigkeit Wohnhäuser, Schulen, Lager, Kinderspielplätze – Infrastrukturen, die oft von der Europäischen Union finanziert wurden.4 Und das Wasser, dessen Wohltat die Tänzerinnen und Tänzer so sehr schätzen, wird in den besetzten palästinensischen Gebieten völlig von israelischen Behörden kontrolliert, die den Zugang zu den Quellen nach eigenem Gutdünken öffnen oder schliessen.5 Der Staat Israel wird regelmässig für seine Menschenrechtsverletzungen und seine inakzeptable Haltung in Bezug auf das humanitäre Völkerrecht verurteilt. Über die Aufrufe, die Vierte Genfer Konvention einzuhalten, setzt er sich ungerührt hinweg, während die internationale Gemeinschaft wegschaut.6

Jahr für Jahr wird palästinensischen Kulturschaffenden die Ausreise aus Gaza oder dem Westjordanland verweigert, so dem Performance-Künstler Khaled Jarrar, den die israelischen Behörden daran hinderten, im New Museum von Manhattan seine Arbeit zu zeigen.7

Mit 18'000 Abonnenten erhält die Oper Tel Aviv mit ihrem Gesamtbudget von 26,4 Millionen Dollar jährlich 7,4 Millionen Dollar aus staatlichen Mitteln, während der Anteil der öffentlichen Mittel für das kulturelle Leben der 1,5 Millionen Palästinenserinnen und Palästinenser in Israel im letzten Haushaltsplan auf 2,5 Millionen Dollar beschränkt war: 7,4 Millionen für 18 000 Anhängerinnen und Anhänger westlicher Kultur, gegen 2,5 Millionen für das gesamte kulturelle Lebens von 20% der Bevölkerung des israelischen Staates.8 9 Diese Zahlen bieten einen Eindruck vom Rassismus und der sozialen Geringschätzung, die die Regierung seit 70 Jahren gegenüber den palästinensischen BürgerInnen des israelischen Staates an den Tag legt. „Eine verzweifelt entschlossene Mehrheit im Land [Israel] gesteht dem Araber ein Recht zu leben nicht zu“, beobachtete vor zwei Jahren der Schriftsteller Sayed Kashua, als er Jerusalem definitiv den Rücken kehrte, um ins Exil zu gehen.10 „Wir haben beide die israelische Staatsbürgerschaft“, aber „wir werden nicht gleich behandelt“, erklärten der Aktivist Ronnie Barkan und der Schauspieler Saleh Bakri letztes Jahr am Filmfestival Locarno.11 Unter diesen Umständen beteiligt sich jede Künstlerin, jeder Künstler, die/der in einer israelischen Kultureinrichtung auftritt, bewusst oder unbewusst an der Konsolidierung dieses politischen Regimes.

Die Israel-Tourneen des Béjart Ballet Lausanne und des Ballet du Grand Théâtre Genf fallen zudem in eine der dunkelsten Phasen, was die Meinungsfreiheit betrifft. Die israelische Regierung greift immer häufiger zu Drohungen und Gesetzesentwürfen gegen Menschenrechtsorganisationen. Wie die Kuratorin des Center for Contemporary Arts Tel Aviv, Chen Tamir, feststellt, drohen israelische Kulturschaffende ihre öffentlichen Subventionen zu verlieren, wenn ihre Werke nicht auf Regierungslinie liegen.12 Zurzeit wird im israelischen Parlament ein Gesetzesentwurf zur "Loyalität in der Kultur" beraten, der jede Kritik am Staat ahndet.13 Das Béjart Ballet und das Ballet du Grand Théâtre treten also zu einem Zeitpunkt in Israel auf, in dem Widerspruch verfolgt wird und Kritik als suspekt gilt. Nur glatte Ausdrucksformen und harmlose Inhalte sind willkommen.

Warum beehren das Béjart Ballet Lausanne und das Ballet du Grand Théâtre Genf unter diesen Umständen ein Apartheidsystem mit ihren Ballettschuhen? Von Kultureinrichtungen dieser Bedeutung wäre in der Planung der Tourneen mehr Bewusstsein für politische Problematiken zu erwarten, sind sie doch weitgehend subventioniert, um das positive Image der Städte Lausanne und Genf nach aussen zu tragen, anstatt es zu beschädigen.

Niemand ist vor Irrtümern gefeit. Doch man kann vermeiden, auf einem solchen zu beharren. 1984, als sich Tausende Kulturschaffende auf die Seite der südafrikanischen Bevölkerung stellten und den Glamour der Apartheid boykottierten, trat zum Entzücken des rassistischen weissen Regimes die Gruppe Queen in Sun City auf.14 Dasselbe trifft auf die israelische Apartheid zu: Seit über einem Jahrzehnt bieten Tausende Künstlerinnen/Künstler und Kulturschaffende in der ganzen Welt und auch in der Schweiz dem Regime die Stirn und haben sich dem von ihren palästinensischen Kolleginnen und Kollegen lanciert kulturellen Boykott angeschlossen.15 16 17 2016 sind nun Sie an der Reihe, geschätzte Mitglieder des Béjart Ballet Lausanne und des Ballet du Grand Théâtre de Genève, sich auf Seiten von Freiheit und Gerechtigkeit zu engagieren. Nehmen Sie sich Zeit, die Unterlagen anzuschauen, die wir Ihnen zur Kenntnis bringen. Für weitere Informationen stehen wir gern zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüssen

BDS Schweiz

 

Beilage: FAQ zum kulturellen Boykott

 

 

Offener Brief und FAQ auf Französisch

Offener Brief und FAQ auf Englisch

Offener Brief auf Italienisch

 

 

Anmerkungen


1 The Israeli Opera Tel-Aviv-Yafo, Dance season 2016-17, www.israel-opera.co.il/eng/?CategoryID=810
2 Call for Academic and Cultural Boycott of Israel (Ramallah, July 4, 2004) http://pacbi.org/pacbi140812/?page_id=2555
3 Palestinian Filmmakers, Artists and Cultural Workers Call for a Cultural Boycott of Israel (August 4, 2006), www.pacbi.org/etemplate.php?id=315
4 „Cisjordanie : les bulldozers israéliens ne chôment pas“ (Danièle Kriegel, Le Point, 15.4.2016) www.lepoint.fr/monde/cisjordanie-les-bulldozers-israeliens-ne-choment-pas-15-04-2016-2032637_24.php
5 „Israel’s hydro-apartheid keeps West Bank thirsty“ (Charlotte Silver, The Electronic Intifada, 1.8.2016), electronicintifada.net/blogs/charlotte-silver/israels-hydro-apartheid-keeps-west-bank-thirsty
6 „Israël, l’éternel dissident international“ (Jean-Claude Woillet, Mediapart, 12.8..2014), blogs.mediapart.fr/edition/les-invites-de-mediapart/article/120814/israel-leternel-dissident-international
7 „The Palestinian Artist Trapped in the West Bank: ‘Every Minute, for Me, Was Like a Knife in My Heart’“ (Justin Jones; The Daily Beast, 16. Juli 2014) http://www.thedailybeast.com/articles/2014/07/16/the-palestinian-artist-trapped-in-the-west-bank-every-minute-for-me-was-like-a-knife-in-my-heart.html
8 „Hanna Munitz stepping down as Israel Opera director“ (Helen Kaye, The Jerusalem Post, 28.3.2016), www.jpost.com/Israel-News/Culture/Hanna-Munitz-stepping-down-as-Israel-Opera-director-449466
9 „Culture minister to double budget for Arab sector“ (The Times of Israel, 10.3.2016) www.timesofisrael.com/culture-minister-to-double-budget-for-arab-sector/
10 „Toutes les raisons pour lesquelles je quitte Israël“ (Sayed Kashua, Libération (Tribune), 15.7.2014), www.liberation.fr/planete/2014/07/15/toutes-les-raisons-pour-lesquelles-je-quitte-israel_1064343
11 Video „Press conference: Cooperation of Festival del Film Locarno with Israel Film Fund“ (Teatro dei Fauni, Locarno, 7.8.2015), www.youtube.com/watch?v=D0BHDo1_6fs
12 „Censorship in Israel“ (Chen Tamir, Guggenheim UBS Map, Mai 2016) www.guggenheim.org/blogs/map/censorship-in-israel
13 „Kampf der Kulturen in Israel“ (Charles Enderlin, Le Monde diplomatique, März 2016), monde-diplomatique.de/artikel/!5282151; siehe auch „Israël s’attaque à la culture non patriotique“ (Serge Dumont; Le Temps, 10.6.2015), www.letemps.ch/monde/2015/06/10/israel-s-attaque-culture-non-patriotique
14 Video: „Freddie Mercury and Queen arriving at Jan Smuts South Africa (Sun City)“ www.youtube.com/watch?v=V7NfZXwc45c
15 „John Berger and 93 other authors, film-makers, musicians and performers call for a cultural boycott of Israel“ (2006), www.pacbi.org/etemplate.php?id=415
16 Unterstützungserklärung von Kulturschaffenden in der Schweiz. Wir weigern uns, Komplizen zu sein! (2011) www.bds-info.ch/index.php?id=121&items=135
17 Déclaration de solidarité des artistes et acteurs culturels de Suisse avec la Palestine (2014), http://culturesuissegaza.over-blog.com/2014/09/declaration-de-solidarite-des-artistes-et-acteurs-culturels-de-suisse-avec-la-palestine.html

 

 

Frequently Asked Questions

Was ist der BDS-Aufruf und was ist der PACBI-Aufruf?

2005 hat die palästinensische Zivilgesellschaft zu einer Kampagne von Boykott, Desinvestition und Sanktionen (BDS) gegen den Staat Israel aufgerufen (BDS-Aufruf), bis dieser das Völkerrecht einhält und die Grundrechte der Palästinenser_innen anerkennt.1 Der BDS-Aufruf ergänzte einen früheren Aufruf palästinensischer Künstler_innen und Intellektueller, die an ihre Kolleg_innen weltweit appellierten, aus Solidarität mit den Palästinenser_innen israelische kulturelle und akademische Institutionen zu boykottieren (PACBI-Aufruf).2

Basierend auf den Bestimmungen des Völkerrechtes fordert der BDS-Aufruf:

  • Das Ende der Besatzung und Kolonisation des gesamten arabischen Landes sowie den Abbruch der Mauer;
  • Die Anerkennung des Rechtes der arabisch-palästinensischen Bürger_innen Israels auf vollständige Gleichberechtigung;
  • Die Einhaltung, den Schutz und die Förderung des Rechtes der palästinensischen Flüchtlinge auf Rückkehr zu ihren Wohnstätten und ihrem Besitz, wie dies UN-Resolution 194 vorsieht.

Wie haben Personen in der Schweiz auf den Aufruf reagiert?

2011 hat die Schweizer BDS-Bewegung in Reaktion auf den Auftritt Israels am Festival Culturescapes Israel einen offenen Brief an Kulturschaffende in der Schweiz veröffentlicht, um sie über die Kampagne zu informieren und sie zur Solidarität aufzufordern.3 Auf diesen Brief haben 170 Künstler_innen und Kulturschaffende aus der Schweiz geantwortet und eine Solidaritätserklärung unterzeichnet, in der sie sich verpflichteten, den Boykott einzuhalten. 4

Schränkt die Forderung nach einem kulturellen Boykott nicht die Meinungsfreiheit ein?

Entgegen gewissen Unterstellungen fordern wir in keiner Weise dazu auf, die Ausdrucksfreiheit einzuschränken. Der kulturelle Boykott Israels ist strikt auf Institutionen beschränkt. Damit soll möglichst wenig in die künstlerische Freiheit und die Verbreitung von Ideen eingegriffen werden.

Die Diskussion über die Bedeutung des kulturellen Boykotts soll nicht auf die von Israel geförderte Kultur zu beschränkt bleiben. Während Israel sich durch Kunst und Kultur in einem guten Licht darstellt, werden in Ostjerusalem und dem besetzten Westjordanland regelmässig Kultureinrichtungen angegriffen und durchsucht, Künstler_innen werden in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt und der Zugang zu Bildung und professionellem Austausch wird verweigert. Darüber hinaus sind natürlich auch Künstler_innen stark betroffen, wenn die gesamte Gesellschaft dauernden Angriffen ausgesetzt ist. Wenn wir über Meinungsfreiheit reden, dürfen wir also nicht vergessen, welche Auswirkungen die Gewalt, der Palästinenser_innen täglich ausgesetzt sind, auf die Kultur und den freien Austausch von Kunst und Ideen hat. Der Druck, den der kulturelle Boykott auf Israel ausübt, geht nicht zulasten der Kultur, sondern kann im Gegenteil Künstler_innen unterstützen, die schweren Angriffen ausgesetzt sind, zum Schweigen gebracht werden und in ihrem Recht auf kulturellen Ausdruck und freie Meinungsäusserung tagtäglich behindert werden. 5

Zudem ist Israels Kulturförderung ausgesprochen politisch und rassistisch. So betrug beispielsweise der Anteil der finanziellen Förderung arabischer Theater im Jahr 2013 weniger als 0,06% der allgemeinen Theaterförderungen, während Palästinenser_innen 20% der Bevölkerung ausmachen.6 Die rassistische Natur der israelischen Kulturförderung verhöhnt die Behauptungen des Filmfestivals Locarno, das Festival beweise, dass es „ein Ort der freien Meinungsäusserung [...] ohne Unterscheidung von Ethnie, Religion oder Nationalität“ sei, indem es Israel ins Rampenlicht stelle. Tatsächlich könnten Festivals, die sich weigern, mit israelischen Institutionen zusammenzuarbeiten, ihrem Publikum eine weit repräsentativere und breitere kulturelle Auswahl anbieten als das, was von offiziellen Institutionen angeboten wird.

Was kann erreicht werden, wenn man sich weigert in Israel aufzutreten?

Der Aufruf zum kulturellen Boykott ist von der Anti-Apartheid-Bewegung der sechziger und siebziger Jahre inspiriert. Ahmed Kathrada, der 26 Jahre in einem südafrikanischen Gefängnis sass, erklärte 1956, dass "die Vertreter des internationalen Boykotts ihre Prämisse auf den Standpunkt stützen, dass zu diesem Zeitpunkt internationaler Druck auf die rassistische Politik Südafrikas in Verbindung mit einem lokalen Kampf den Gang zur Freiheit in grossem Mass unterstützen wird […] Die Verursacher des rassistischen Hasses in diesem Land  schöpfen Kraft und Mut aus dem Gefühl von Verbundenheit mit der Aussenwelt; und gewiss aus der fast stillschweigenden Zustimmung und Anerkennung, die sie vor allem von den westlichen Ländern in Form von kulturellen und sportlichen Kontakten, wirtschaftlichen und militärischen Verbindungen erhalten.”7

Dasselbe gilt für Israel. Trotz der brutalen militärischen Besatzung seit fast 70 Jahren, trotz der systematischen und institutionalisierten Diskriminierung gegen die einheimische, nicht-jüdische Bevölkerung Palästinas, trotz Dutzender UNO-Resolutionen, die ein Ende der langen Liste israelischer Kriegsverbrechen verlangen,8 trotz der kontinuierlichen Missachtung des Rückkehrrechts für die  Flüchtlinge der ethnischen Säuberung von 1948, kann Israel standhaft weitere Verbrechen zu begehen, da es auf die uneingeschränkte Unterstützung durch westliche Staaten, in Form finanzieller und politischer Unterstützung, Handel und Waffenlieferungen zählen kann.

Angesichts dieser Situation ist es in erster Linie die Pflicht der Bürger_innen der Staaten, die Israel unterstützen, den Kampf der Palästinenser_innen für ihre Rechte zu unterstützen, indem sie sich gegen die "stillschweigende Billigung und Anerkennung" Israels und dessen "Verbundenheit zur Aussenwelt" engagieren.

Aber ist es nicht wichtig, dass Künstler_innen ihre Arbeit in Israel zeigen können? Ist es nicht effektiver nach Israel zu kommen und mit dem Publikum zu sprechen und eine Botschaft des Friedens und des Dialogs zu überbringen anstatt zu boykottieren?

Bevor Roger Waters 2006 in Israel auftrat, schrieb er: “Ich habe viele Fans in Israel, viele davon sind Dienstverweigerer. Ich würde genau so wenig einen Auftritt in Israel absagen, weil ich deren Aussenpolitik missbillige, wie ich auch keinen Auftritt in Grossbritannien absage, weil ich Tony Blairs Aussenpolitik missbillige."9 Doch nach einem Besuch der besetzten palästinensischen Gebieten schrieb er: “Ich bin der Meinung, dass die abscheuliche und drakonische Kontrolle, die Israel über die belagerte palästinensische Bevölkerung im Gazastreifen und im besetzten Westjordanland (einschliesslich Ostjerusalem) ausübt, verbunden mit der Verweigerung des Rechtsrechts der Flüchtlinge zu ihren Wohnstätten in Israel, danach verlangt, dass aufrichtige Menschen auf der ganzen Welt die Palästinenser_innen in ihrem zivilen, gewaltfreien Widerstand unterstützen [...] Für mich bedeutet dies, meine Solidarität nicht nur mit der palästinensischen Bevölkerung sondern auch mit den vielen Tausenden Israelis, die nicht mit der rassistischen und kolonialistischen Politik ihrer Regierung einverstanden sind, zu zeigen, indem ich die Kampagne für Boykott, Desinvestition und Sanktionen (BDS) gegen Israel unterstütze, bis es drei grundlegende Menschenrechte, wie vom internationalen Völkerrecht verlangt, erfüllt.“10

In ähnlicher Weise schrieb Macy Gray, dass "ich einen Realitätscheck hatte und erklärte, dass ich auf keinen Fall dort gespielt hätte, wenn ich nur so viel gewusst hätte wie jetzt.”11

Während Kunstschaffende oft für sich in Anspruch nehmen, für Frieden und universelle Werte zu sprechen, bedeuten Worte wenig, wenn sie in einem Kontext ausgesprochen werden, der ihnen völlig widerspricht. Man kann sich nicht solidarisch mit Streikenden zeigen und gleichzeitig den Streikposten verlassen. Gleichermassen sendet ein Auftritt in Israel, ungeachtet der Absichten, eine falsche Botschaft an die israelische Öffentlichkeit: dass Israel ein normaler Staat ist, dass die rassistischen Grundlagen des Staates, sein rassistisches und diskriminierendes Rechtssystem und seine Militärgewalt akzeptabel sind. Durch die Missachtung des palästinensischen Solidaritätsaufruf machen sich Künstler_innen, die in Israel auftreten, für die Fortsetzung der Gewalt gegen die Palästinenser_innen mitverantwortlich.

Israels rassistische Politik gegen die Palästinenser_innen geniesst breite Zustimmung in der israelischen Öffentlichkeit. Mehr als 90% der nicht-palästinensischen Öffentlichkeit in Israel bekundeten Unterstützung für das letzte Massaker der Regierung in Gaza12 und die Mehrheit der israelischen Bevölkerung gab in einer Befragung an, dass sie kein politisches Mitspracherecht für Araber_innen wollen.13 Ein sozialer Wandel kann bei einem derart weit verbreiteten Rassismus nicht ohne Konfrontation erreicht werden. Eine "Botschaft des Friedens" an die israelische Öffentlichkeit zu überbringen, ist eine leere Geste, die nur dazu dient dem Ego der Künstler_innen zu schmeicheln, die dies behaupten. Die gewissenhafte Botschaft ist eine Botschaft der Solidarität mit den Forderungen der Palästinenser_innen für ihre Rechte und mit den wenigen Israelis, die diese Forderungen unterstützen.

Israelische Kunstschaffende sind oft Dissidenten und kritisieren die Regierungspolitik. Greift der Boykott nicht die falschen Leute an, nämlich genau jene, die auf der richtigen Seite stehen?

Nein. Wir sprechen uns nicht für einen Boykott einzelner Kulturschaffender aus und fordern nicht, dass israelische Kulturschaffender ausgeladen werden. Wir fordern dazu auf, alle Verbindungen zu Institutionen der Apartheid zu beenden. Dazu gehören auch Kultureinrichtungen, die sich bewusst in den Dienst der staatlichen israelischen Propaganda stellen. Israelische Kulturschaffende können sich weigern, dass ihr Name und ihr Werk missbraucht werden, um ein positives Bild von Israel zu zeichnen und zu vermitteln. Und sie herzlich eingeladen, sich dem kulturellen Boykott anzuschliessen, wie es einige auch getan haben.

Obwohl wir nicht zum Boykott einzelner Künstler_innen aufrufen, muss betont werden, dass eine Darstellung der israelischen Kunstszene als an sich fortschrittlich und den palästinensischen Ruf nach Gerechtigkeit unterstützend irreführend ist. Nur wenige israelische Künstler_innen und keine einzige Kulturinstitution haben unmissverständlich Position gegen die unaufhörliche staatliche Gewalt und für Gleichheit bezogen. Gerade die weitverbreitete Akzeptanz dieser falschen Darstellung der israelischen Kultur ist selbst ein sprechendes Beispiel dafür, wie Israel Kunst und Kultur missbraucht, um ein günstiges, aber irreführendes Bild von sich selbst zu vermitteln und Forderungen nach Gerechtigkeit entgegenzuwirken.

Darüberhinaus kommt die staatliche Kulturförderung nicht den Kritikern und Dissidenten Israels zugute. Es herrscht eine zunehmend repressive Haltung gegenüber jeglicher Kritik an der israelischen Regierung und Regierungsstellen greifen Kritiker an und schüchtern diese ein. Dies alles um "sicherzustellen, dass der Inhalt von Kunstproduktionen die Linie der Regierungspolitik einhält".14 Die Bedingungen von Kunst und Kultur in Israel können nicht von der anhaltenden Gewalt gegen Palästinenser_innen getrennt werden.

Viele Staaten verletzen solche Grundrechte und die meisten Kulturschaffenden sind auf staatliche Förderung angewiesen. Wieso sollten zum Beispiel Schweizer Künstler_innen nicht aufgrund der islamfeindlichen Gesetze der Schweiz boykottiert werden?

Der Boykott Israels ist eine Antwort auf einen Solidaritätsaufruf von Palästinenser_innen. Er ist eine wirksame gewaltlose Taktik und ein von den Palästinenser_innen gewähltes Mittel, um Druck auszuüben. Es ist nicht unser Versuch, unsere moralische Vollkommenheit unter Beweis zu stellen. Der Boykott des Apartheidregimes in Südafrika wurde nicht dadurch entkräftet, dass Argentinien zur gleichen Zeit ebenfalls Menschenrechtsverletzungen beging. Auch das war eine Antwort auf den Solidaritätsaufruf der südafrikanischen Befreiungsbewegung. Nicht umsonst wird der Hinweis darauf, dass auch andere dieselben oder schlimmere Verbrechen begehen, nicht als mildernder Umstand akzeptiert. Wäre dem so, müssten alle Forderungen nach Gerechtigkeit zurückgestellt werden, bis jedes einzelne Verbrechen erhoben und die schlimmsten Verbrechen geahndet wären. Wem würde dieses Prinzip dienen ausser jenen, die von Straflosigkeit profitieren?

 



1 Boycott, Divestment and Sanctions (BDS) website :  http://www.bdsmovement.net/
2 Palestinian Campaign for the Academic & Cultural Boycott of Israel  (PACBI) website : http://www.pacbi.org/
3 Offener Brief, Culturescapes Israel: Ein schweizerisches Schaufenster für Apartheid? bds-     info.ch/files/Upload/Dokumente/Kampagnen%20(Nachrichten)/Kultur/110831_OffenerBriefCulturesc apes.pdf
4 Unterstützungserklärung von Kulturschaffenden in der Schweiz, http://bds-info.ch/index.php?id=121&items=135
5 For example, see https://anthroboycott.wordpress.com/2016/05/08/violating-the-right-to-education-for-palestinians-a-case-for-boycotting-israeli-academic-institutions/
6 Haaretz.co.il, 22th May 2015. http://www.haaretz.co.il/gallery/black-flag/.premium-1.2640239
7 Ben White, Apartheid and Cultural Boycott, http://www.bacbi.be/pdf/BWhite.pdf
8 Haaretz, "Study: Israel Leads in Ignoring Security Council Resolutions", http://www.haaretz.com/study-israel-leads-in-ignoring-security-council-resolutions-1.31971
9 The Guardian, "Palestinian plea to Floyd's Waters", https://www.theguardian.com/world/2006/mar/09/israel.artsnews
10 Roger Waters, " Tear down this Israeli wall", https://www.theguardian.com/commentisfree/2011/mar/11/cultural-boycott-west-bank-wall
11 IPSC, "2011 Successes of the Cultural Boycott of Apartheid Israel", http://www.ipsc.ie/press-releases/2011-successes-of-the-cultural-boycott-of-apartheid-israel
12 The Guardian, "Israeli polls show overwhelming support for Gaza campaign", https://www.theguardian.com/world/2014/jul/31/israeli-polls-support-gaza-campaign-media
13 Haaretz, "Poll: Most Israeli Jews Believe Arab Citizens Should Have No Say in Foreign Policy", http://www.haaretz.com/israel-news/poll-most-israeli-jews-believe-arab-citizens-should-have-no-say-in-foreign-policy-1.327972
14 Chen Tamir, "Censorship in Israel", https://www.guggenheim.org/blogs/map/censorship-in-israel

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