Künstler*innen sind Teil des Widerstands gegen die Apartheid

07.03.2019

Categories: Kultur

Offener Brief an Luca Hänni, Schweizer Vertreter am Eurovision Song Contest in Israel

Genf, Lausanne, Bern, Basel, Zürich, Lugano, 7. März 2019

 

Lieber Luca Hänni

Dein Song wurde gerade ausgewählt, um unser Land beim Finale des Eurovision Song Contest (ESC) 2019 zu vertreten. Wir gratulieren dir zu diesem Erfolg und können nachvollziehen, dass du stolz darauf bist. Die BDS-Bewegung hat einen hohen Respekt vor Künstler*innen, insbesondere wenn das künstlerische Vergnügen mit ethischer und politischer Verantwortung verbunden ist. Auf diese Verantwortung wollen wir mit diesem Schreiben ansprechen.

Für einen Auftritt nach Israel zu reisen, ist gerade heute nicht unproblematisch. Im Jahr 2018 hat das israelische Parlament einen entscheidenden Schritt getan, indem es ein Apartheidgesetz verabschiedet hat, das die nichtjüdische Bevölkerung des Staates Israel zu Bürger*innen zweiter Klasse erklärt. Im Jahr 2019 wird der ESC also von einem Staat organisiert, der sich der Apartheid verschrieben hat. Und es gibt Künstler*innen, die dabei mitspielen und so diese Regierungspolitik faktisch unterstützen.

Apartheid ist ein von den Vereinten Nationen verurteiltes System der rassistischen Unterdrückung, das im Völkerrecht als Verbrechen gegen die Menschlichkeit gilt. Sie zeichnet sich durch systematische Diskriminierung aus, die zum Ziel hat, eine ganze Bevölkerungsgruppe zum Vorteil einer anderen Gruppe im selben Gebiet zu unterjochen. Der Bau der Trennmauer und der israelischen Siedlungen im Westjordanland, die fortschreitende Zerstückelung des palästinensischen Gebiets, die anhaltende Abriegelung von 2 Millionen Palästinenser*innen im Gazastreifen – einem Ghetto von der Grösse des Kantons Schaffhausen –, die andauernde Schikanierung der palästinensischen Bevölkerung in Jerusalem und die Erniedrigung und Entmenschlichung der Palästinenser*innen durch die israelische Armee sind Folgen eines Systems, das darauf abzielt, das palästinensische Volk in seinem eigenen Land zum Verschwinden zu bringen.

Seit 15 Jahren appellieren palästinensische Künstler*innen an ihre Kolleg*innen aus aller Welt, sie in ihrem Widerstand zu unterstützen. Internationale Künstler*innen sind aufgerufen, nicht mit Institutionen oder Veranstaltungen zusammenzuarbeiten, die vom repressiven israelischen Regime für seine Zwecke instrumentalisiert werden. Die internationale BDS-Bewegung unterstützt diese aus der palästinensischen Zivilgesellschaft kommende Forderung nach einem Boykott. Alle von Israel eingeladenen Künstler*innen sind deshalb seit 2004 vor die Wahl gestellt, entweder positiv auf den Appell der palästinensischen Künstler*innen an ihr Gewissen zu reagieren oder sich zur Marionette des Apartheidregimes zu machen.

Die israelische Regierung verhehlt nicht, dass sie den ESC 2019 zur Imagewerbung nutzen will. Damit begann sie gleich am Tag nach Netta Barzilais Sieg beim Song Contest 2018, als Premierminister Benjamin Netanjahu die Sängerin zur «besten Botschafterin» der Regierung ernannte. Das ist nichts anderes als «Artwashing».

Netta gibt sich als Ikone der Vielfalt und Symbol eines Landes aus, das «gayfriendly» zu sein vorgibt. Das ist «Pinkwashing».  Die palästinensischen Organisationen alQaws for Sexual and Gender Diversity in Palestinian Society, Pinkwatching Israel und Aswat Feminist Centre for Sexual and Gender Freedoms verurteilen diese Vereinnahmung des Kampfes von LGBTQIA*-Menschen durch die israelische Propaganda anlässlich des ESC. Mehr als 90 weitere LGBTQIA*-Kollektive haben sich dieser Kritik angeschlossen.

Dass Netta zur Siegerin des Song Contests gekürt wurde, lenkte schrill von einem der schlimmsten Massaker der israelischen Armee ab. Zwei Tage nach dem ESC-Finale im Mai 2018 beschoss die israelische Armee den ganzen Tag die Menge palästinensischer Flüchtlinge, die sich im Gazastreifen entlang der Sperranalage versammelt hatte. 60 Tote und 1.162 Verwundete fielen den Scharfschütz*innen der israelischen Armee, die zum Teil Explosivgeschosse einsetzten, zum Opfer. Die palästinensischen Demonstrant*innen taten nichts anderes als jeden Freitag seit März 2018: Sie forderten friedlich ihr Recht auf Rückkehr in ihre Heimat ein, aus der ihre Grosseltern und Eltern 1948 vom entstehenden Staat Israel vertrieben wurden. Ein am 28. Februar 2019 veröffentlichter Bericht einer Untersuchungsmission des UN-Menschenrechtsrates wirft der israelischen Regierung vor, bei der Unterdrückung dieser Demonstrationen im Gazastreifen mutmasslich Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben.

Das vom israelischen Fernsehen organisierte Finale des ESC 2019 findet ebenfalls wieder Mitte Mai statt. Anstatt an diesem traurigen Jahrestag der Toten mit Schweigen und Respekt zu gedenken, will die israelische Regierung ihr rassistisches Apartheidregime mit aufwendigen Soundkulissen, Lichtern und Spezialeffekten als Normalität verkaufen.

Nach wie vor gilt, was wir bereits in einem offenen Brief an das Schweizer Fernsehen SRF betont: Wer an der diesjährigen Ausgabe des ESC teilnimmt, leistet einen Beitrag an die Weisswaschung der israelischen Apartheid. Dessen muss man sich bewusst sein. Wir unsererseits können nicht akzeptieren, dass Musik zu einem Instrument der Unterdrückung im Dienste eines Regimes wird, das seit 70 Jahren – oft mit Hilfe der westlichen Staaten – ungestraft handelt und sich über zahlreiche Resolutionen der Vereinten Nationen hinwegsetzt.

In den 80er Jahren haben sich zahlreiche Künstler*innen geweigert, sich vom südafrikanischen Regime einspannen zu lassen. Erinnert sei nur an das Engagement von Rapper*innen und Rockmusiker*innen wie Kool DJ Herc, Miles Davis, Jimmy Cliff, Peter Gabriel, Herbie Hancock oder Run D.M.C, die Auftritte in Sun City, dem Las Vegas Südafrikas, entschieden abgelehnt und damit zum Ende der Apartheid beigetragen haben.

Heute erheben Tausende von Künstler*innen ihre Stimmen, um das repressive israelische Regime herauszufordern. Mit der Petition «No Song for Apartheid» (#NoSongForApartheid) bitten rund 100 in der Schweiz lebende Kulturschaffende das Schweizer Fernsehen, nicht am ESC in Israel teilzunehmen. Weitere Petitionen von Künstler*innen sind in anderen Teilnehmerländern in Umlauf. In Grossbritannien haben Peter Gabriel, Ken Loach, Vivienne Westwood, Nick Seymour, Roger Waters und die Wolf Alice Gruppe die BBC aufgefordert,  sich für eine Verlegung des Austragungsortes einzusetzen. Der Komponist und Produzent Brian Eno hat die Instrumentalisierung der Kunst angeprangert, mit der Israel von seinem „unmoralischen und völkerrechtswidrigen“ Verhalten ablenken will.

Lieber Luca Hänni, in unserem letzten Schreiben an die SRF-Geschäftsleitung haben wir bereits daran erinnert, dass sich die Schweiz in der Vergangenheit schon zur Komplizin des südafrikanischen rassistischen Regimes gemacht hat. Den gleichen Fehler sollte man nicht zweimal machen. Es ist an der Zeit, dass alle den ihnen zukommenden Platz im Widerstand gegen die israelische Apartheid einnehmen.

Mit besten Grüssen

Die BDS-Bewegung in der Schweiz

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